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Kartoffelsilos: Eine neue
Ära für Kartoffelbauern
Das erste Projekt, das ICEP
beim Außenministerium einreichte und – mit 75
Prozent Kostenübernahme – auch bewilligt bekam,
war das so genannte „Kartoffelsilo-Projekt“.
Dieses Projekt war darauf ausgelegt, Kleinbauern zu helfen,
ihre Arbeit professioneller zu gestalten, kosten-, qualitätsbewusster
und langfristiger zu denken und marktorientierter zu wirtschaften.
Ort des Geschehens: das westliche Hochland Guatemalas, in
dem ein Viertel der fast ausschließlich indigenen
Bevölkerung vom Kartoffelanbau lebt.

Bisherige Praxis
Der praktisch einzige agronomische Fortschritt
in den letzten Jahrzehnten war die Verwendung von Chemikalien.
Zur Erhöhung der Ernte wurde Kunstdünger eingesetzt,
zur Ungezieferbekämpfung verwendeten die Bauern reichlich
Insektizide, beides ungeachtet der giftigen Wirkung, von
der vor allem ihre Familienmitglieder betroffen waren. In
Ermangelung einer Alternative wurden die für die Aussaat
bestimmten Kartoffeln nämlich im häuslichen Bereich,
meist unter den Betten, gelagert. Dort, direkt auf dem oft
feuchten Boden, wurden die Kartoffeln leicht von Knollenfäulnis
befallen, was zu einem Verlust der wertvollen Saatkartoffeln
führte – und einen weiteren Angriff auf die Gesundheit
der Familien darstellte. Die Lagerung der Kartoffeln in
relativer Dunkelheit hatte darüberhinaus zur Folge,
dass sie nur schwach und unregelmäßig keimten,
wie es für Saatkartoffeln wünschenswert wäre.
Die Ertragssituation wurde zusätzlich dadurch verschlechtert,
dass zur Erntezeit rund 2500 Bauern nahezu gleichzeitig
auf den einheimischen Markt (v. a. in San Juan Ostuncalco)
fuhren, wo sie ihre Kartoffeln bei dem vorhandenen Überangebot
nur zu einem entsprechend niedrigen Preis anbieten konnten.
Zudem gab es unter den Bauern kaum Formen der Arbeitsteilung
oder des Zusammenhalts.

Das Maßnahmenpaket
Angesichts dieser Situation schien ein ganzes Maßnahmenpaket
notwendig. Durch das Projekt sollten die Bauern primär
theoretisch und praktisch durch Fachleute unterrichtet werden
und Unterstützung beim Bau von Kartoffelsilos erhalten.
Diese Silos ermöglichen eine sachgerechte Lagerung
der Saatkartoffeln. Sie stellten außerdem einen wichtigen
Schritt zur Auslagerung der Kartoffeln und Arbeitsgeräte
aus dem Wohnraum dar – sehr zur Freude und zum Wohl
der Frauen und Kinder. Das Projekt sollte aber darüber
hinaus tatsächlich der ganzen Familie zugute kommen:
So hatten auch Frauen die Möglichkeit, am Unterricht
teilzunehmen, sie erhielten zusätzlich Aufklärung
über Ernährung und Hygiene. Frauen und Kinder
wurden in Gemüseanbau und Obstbau eingeführt,
Lehrgärten wurden angelegt.
Dreijähriges
Ausbildungsprogramm
Insgesamt nahmen mehr als 900 Personen an verschiedenen
Ausbildungskursen teil. 352 von ihnen besuchten den vertiefenden
Unterricht, wobei jeder auch ein Handbuch über Anbau
und Verkauf von Kartoffeln erhielt. Darauf können die
Kursteilnehmer auch nach Projektende zurückgreifen
und sich das Gelernte in Erinnerung rufen. Um die Bauern
von den Vorteilen von Silos zur Lagerung von Saatkartoffeln
zu überzeugen, wurden zuerst 14 Modellsilos gebaut.
Mit gegenseitiger Unterstützung errichteten die Bauern
anschließend Silos für ihren eigenen Bedarf:
Dabei konnten sie mit der technischen Unterstützung
von FUNDAP rechnen. Sie erhielten auch einen Teil des Materials
(v. a. Wellblech, Nägel und Plastikplanen). Den Rest,
vor allem Holz, mussten sie selbst beschaffen. Es wurden
insgesamt 352 Silos – für 352 Bauern –
errichtet, was den Silobestand der Region von 4 auf 16 Prozent
erhöhte. Abgesehen vom Unterricht förderten die
Ausbildner den Erfahrungsaustausch unter den Bauern und
besuchten die Bauern auch zuhause, um den Nutzen des Projektes
zu besprechen.

Live beim Unterricht
dabei
Im Zuge einer Projektreise nahm ICEP-Geschäftsführer
Bernhard Weber nicht nur kontrollierend Einblick in die
Buchhaltungs- und Rechnungsprüfberichte von FUNDAP-Fomagro,
sondern gewann außerdem in einem persönlichen
Gespräch mit 18 Projektteilnehmern einen unmittelbaren
Einblick in den Projektfortgang. Er besichtigte fertiggestellte
Kartoffelsilos und nahm als Beobachter an einem Unterricht
für Projektbegünstigte vor Ort teil, wo Ausbildner
Alfons García in der Maya-Sprache Mam und unter Verwendung
von gut aufgemachtem Anschauungsmaterial eine Lektion über
die Bekämpfung von Kartoffelschädlingen und Ungeziefer
erteilte. Auch der im Anschluss erteilte Unterricht auf
einem Lehracker, wo die Inhalte des Vortrags demonstriert
und besprochen wurden, überzeugte.
Ökologisch sinnvoll
arbeiten
Die empfohlenen Methoden der Schädlingsbekämpfung
– ein Chili-Knoblauch-Zwiebel-Gemisch, mit dem die
Kartoffelpflanzen bestrichen werden, und ein klebriges gelbes
Kunststoffband, das die Schädlinge anzieht und festhält
– sollten den Bauern den Einsatz teurer und giftiger
Insektizide zumindest teilweise ersparen. Das Angebot einer
internationalen Pharmafirma, das Projekt zu unterstützen,
wenn sie bei der Ausbildung der Bauern für ein konkretes
Schädlingsbekämpfungsmittel werben bzw. einen
Vertreter der Firma zu den Unterrichten schicken dürfen,
wurde von FUNDAP abgelehnt.

Für die ganze
Familie
Bei ihrer Visite des Projektgebiets trafen Bernhard
Weber und Oscar Gómez in den Siedlungen fast nur
Frauen und Kinder vor – die Bauern waren auf ihren
Äckern. So zeigten die Frauen, die Oscar Gómez
kannten, den Besuchern mit Freude und vielen Erklärungen
ihre Kartoffelsilos. Es war zu erkennen, wie sehr sie sich
mit dem Projekt identifizierten und beim Projekt mitlebten.
Einige Frauen erzählten, dass die Kinder weniger oft
erkrankten und weniger mit Husten zu kämpfen hatten,
seit die Kartoffeln nicht mehr im Haus gelagert werden.
Das Projekt wirkte sich also auch positiv auf die Gesundheitssituation
insbesondere der Kinder aus.
Ein zusätzlicher
Aspekt
Das Projekt leistet auch einen wichtigen Beitrag
zur Friedenssicherung in einem ehemaligen Bürgerkriegsgebiet.
Der ICEP-Geschäftsführer gelangte in Ortschaften,
die bis vor kurzem aus Sicherheitsgründen nicht besucht
werden konnten, und war beeindruckt, wie frühere „Guerilleros“
in das Projekt integriert werden konnten.

Zufriedene Bauern
Die unabhängige Beratungsfirma ECODESA wurde
von FUNDAP auf Bitte ICEPs gegen Projektende hin mit einer
Projektevaluierung beauftragt. Eine Umfrage unter den beteiligten
Bauern ergab, dass sie das Projekt einstimmig befürworteten
und feststellten, dass es ihren Arbeitsalltag gegenüber
früher erheblich verbessert hat. Die erzielte Erhöhung
der Verkaufserlöse ist nicht nur dem Projekterfolg
zu verdanken: Der Hurrikan Mitch hatte 1998 in den Nachbarländern
Ernten und Felder zerstört, was der Nachfrage in Guatemala
zugute kam. ECODESA bestätigte, dass die Ernten tatsächlich
deutlich besser ausfielen, seit die Saatkartoffeln in den
Silos gelagert wurden. Außerdem wirkten die Bauern
motiviert und voll des Willens, dazu zu lernen und ihre
Arbeit weiter zu verbessern.
Schneeballeffekt
Das Beispiel der 352 ausgebildeten Bauern weckte
nicht nur das Interesse anderer Bauern in der Region, sondern
auch anderer Entwicklungsorganisationen, die es besuchten,
um die Inhalte in ihr Entwicklungsprogramm zu integrieren.
© ICEP 2003
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